Dieser Artikel handelt von den Auswirkungen von Industrie 4.0 auf die gesamte Gesellschaft. Er besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil, den Sie gerade lesen, beschäftigt sich damit, dass die Einführung einer neuen Art der Produktion immer auch eine Infrastruktur braucht, damit die Technik sich durchsetzen kann. Wenn  man also eine neue Technik beurteilen will, muss man auch außerhalb der Fabriken schauen, gerade wenn die Veränderungen als Revolution angekündigt werden. Im zweiten Teil beschäftigen wir uns damit, ob Industrie 4.0 wirklich eine Revolution ist, oder ob sie doch eher einer Evolution gleicht.

Zentrierung auf Technik

In den Diskussionen und Veröffentlichungen über Industrie 4.0 ist die Wahrnehmung dieses Themas sehr technikzentriert. Es ist immer viel von flexiblen Fertigungsmaschinen, intelligenten Produkten und smarten Fabriken die Rede. Sicherlich werden auch organisatorische Konzepte wie Selbststeuerung und dezentrale Organisation auf den unteren Ebenen erwähnt, aber wiederum meist nur im Hinblick auf die Technik, die entsprechend funktioniert.

Wenn man eine neue Technik beurteilen will, genügt es jedoch nicht, nur die Produktion zu betrachten. Eine neue Großtechnik ist immer auch ein Infrastrukturprojekt, und sie hat immer auch Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Zusammen mit der Industrialisierung im 19. Jh. zum Beispiel entstanden Gewerkschaften und neue philosophische Systeme wie der Kommunismus, was noch heute unser Leben beeinflusst. Und in der Folge wurden Kriege möglich, die so zerstörerisch waren wie keine anderen Ereignisse zuvor, die von Menschen ausgelöst wurden.

Es nicht allein eine neue Technik, die über ihre erfolgreiche Anwendung entscheidet. Vielmehr muss dazu das gesamte Umfeld günstig sein, oder günstig gemacht werden. So war es unter anderem bei der Einführung des elektrischen Lichts, des Automobils oder der elektronischen Datenverarbeitung, und so wird es bei Industrie 4.0 sein. Die Leistung Edisons beispielsweise war es nicht, die Glühbirne zu erfinden, sondern die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie sich durchsetzen konnte.

Die Einführung des Automobils

Sehen wir uns als Beispiel die Einführung des Automobils an. Als es erfunden wurde, war es für die Masse der Menschen eine lange Zeit überhaupt nicht brauchbar. Es war teuer, unzuverlässig und vor allem fehlte die gesamte Infrastruktur. Es hatte potentiell enorme Vorteile, aber die gesamte Zivilisation musste dafür anders organisiert werden. Es wurden flache Straßen gebraucht, Parkplätze und Garagen, Ölkonzerne und Raffinerien, Tankstellen und Reparaturbetriebe, große Fabriken. Es war eines der Technikprojekte der Vergangenheit, die unsere Welt am meisten verändert haben.

Mit anderen Worten: um Auto fahren zu können, genügte es nicht, eines zu kaufen. Vielmehr wurde eine komplett künstliche Umwelt geschaffen. Die Städte außerhalb der Gebäude sind heute fast durchgehend asphaltiert, ein kleiner Rest ist mit Grünflächen bedeckt, die ebenfalls künstlich angelegt sind. Zwischen den Ballungsgebieten existiert ein umfangreiches Straßennetz, das einen beträchtlichen Teil der Oberfläche einnimmt, jedenfalls in den Industrieländern. Einige Länder wie Deutschland sind sogar zu einem hohen Anteil auch wirtschaftlich vom Automobil abhängig, und dementsprechend organisatorisch darauf ausgerichtet.

Der Fall Industrie 4.0

Die Zahl, die Bestandteil des Namens von Industrie 4.0 ist, soll bedeuten, dass es die vierte Stufe der industriellen Revolution ist. Diese begann etwa ab Ende des 18. Jahrhunderts in England und fand in mehreren Stufen statt, die jedes Mal enorme technische und soziale Umwälzungen mit sich brachten. Wegen dieser starken Umwälzungen ist die Bezeichnung als Revolution gerechtfertigt, denn es blieb buchstäblich kein Stein auf dem anderen. Wir leben momentan in einer Welt, die sich ein Mensch des 18. Jahrhunderts nicht einmal hätte vorstellen können. Und es sieht sogar so aus, als ob sich das Tempo der Veränderungen heute noch weiter beschleunigt.

Wenn Industrie 4.0 wirklich eine neue Stufe der industriellen Revolution ist, müsste es sich – mehr noch als die Einführung des Automobils – ebenfalls als umfassende Umwälzung aller Bereiche der Gesellschaft und der Infrastruktur erweisen. Denn in den vorangegangen Stufen war das jedes Mal der Fall. Mit anderen Worten, mit der Einführung der neuen Technik würde auch eine neue Infrastruktur außerhalb der Fabriken geschaffen und sich die Organisation der Gesellschaft ändern. Das würde auf jeden Fall die Formen der Zusammenarbeit betreffen und zu sozialen Problemen führen.

Vorzeichen davon gibt es schon. Es zeigt sich zum Beispiel in der Diskussion darüber, ob sich durch die Digitalisierung immer weiterer Bereiche ein Verlust von Arbeitsplätzen ergibt. Auffällig ist auch, dass von Experten verdächtig oft darauf hingewiesen wird, welch wichtige Rolle der Mensch in Industrie 4.0 spielen wird. Da könnte man leicht auf die Idee kommen, dass das ja wohl nicht immer extra betont werden muss, wenn es wirklich keinen Grund für solche Ängste gibt. Genauso gibt es aber auch Anzeichen dafür, dass die Einführung von Industrie 4.0 eher langsam und evolutionär vor sich gehen wird, und sich zumindest in stark industrialisierten Ländern wie Deutschland eher als Segen erweist.

Im zweiten Teil dieses Artikels schauen wir uns genau an, wie dieser Prozess voraussichtlich aussehen wird. Er wird im nächsten Monat erscheinen.