Dieser Beitrag ist der zweite Teil des Artikels über Auswirkungen von Industrie 4.0 auf die gesamte Gesellschaft. Es geht darum, ob es wirklich gerechtfertigt ist, die Umstellung der Produktion nach den neuen Prinzipien als Revolution zu bezeichnen. Dazu müsste diese Umstellung Folgen haben, die mit denen der vorangegangenen Stufen der industriellen Revolution vergleichbar sind, als die Arbeit sich völlig veränderte und es sogar zu sozialen Katastrophen kam. Die Gesellschaft als Ganzes wandelte sich, was oft mit großen Anpassungsschwierigkeiten verbunden war. Wenn das aber nicht der Fall ist, sollte man Industrie 4.0 eher als evolutionären Prozess bezeichnen.

Revolution oder Evolution

Viele der Ideen von Industrie 4.0 sind gar nicht so neu, vor allem, was die Techniken betrifft. Für sich genommen gibt es die wichtigen Komponenten alle schon. Nirgendwo werden neue Maschinen oder Konzepte gefordert, die noch nicht existieren.

Die Herausforderung besteht also weniger darin, neue Techniken einzusetzen, sondern neue Formen der Organisation und der Zusammenarbeit zu finden. Es ist hauptsächlich die Integration all der schon existierenden Konzepte, die den Übergang zur neuen Produktionsweise ermöglicht. Dabei geht es um Verbesserungen in den Bereichen Arbeitskosten, Geschwindigkeit, Flexibilität und Qualität, die entscheidende Parameter in der Produktion sind. Mit anderen Worten: um eine Erhöhung der Produktivität, genau wie in den vorangegangenen Stufen der industriellen Revolution.

Nun ist Industrie 4.0 ein gern benutzter Begriff, wenn es darum geht, die Zukunft der deutschen Industrie zu beschreiben. Zudem spielt bei der Beliebtheit des Begriffs wohl auch die Unterstützung durch die Bundesregierung eine Rolle, die Forschungen in dieser Richtung finanziell fördert. Aber kann man dabei wirklich von einer neuen Stufe der industriellen Revolution sprechen, analog zu den Umwälzungen zuvor?

Wenn überhaupt, kann man von einer neuen Stufe sowieso erst im Nachhin­ein reden, wenn man die Auswirkungen überblicken kann. Stellt man dann fest, dass eine tiefgreifende Umwälzung der Produktionsprozesse stattgefunden hat, die alle Lebensbereiche verändert hat, ist es möglich, das als neue Stufe zu bezeichnen.

Im Moment aber, zu Beginn der neuen Produktionsweise, ist die vierte Stufe wohl eher ein Marketingbegriff. Er ist als plakative Aussage geeignet dazu, in der deutschen Industrie Entwicklungen anzustoßen, ohne die sie von anderen Nationen abgehängt würde. Insofern ist Industrie 4.0 alternativlos. Eine Bundesrepublik ohne eine starke industrielle Basis wäre in der Tat eine erschreckende Vorstellung.

Ein weiterer Punkt ist, dass schon intensiv über die neue Stufe nachgedacht wird, bevor die Neuerungen überhaupt implementiert sind. Die Revolution, sollte sie denn stattfinden, wäre also intentional gesteuert – was ein völliger Widerspruch ist. Revolutionen lassen sich nicht planen. Sie entstehen in der Industrie durch das chaotische Verhalten vieler Einzelakteure auf der Basis neuer technischer Entwicklungen oder neuer Formen der Zusammenarbeit, und werden meist von Protesten der abgehängten Bevölkerungsschichten begleitet.

Gesellschaftliches Zukunftskonzept

Was man im Moment aber beobachten kann, sind evolutionäre Prozesse hin in eine vorausgeplante Richtung. Es gibt nur Weiterentwicklungen von schon Vorhandenem. Die Fertigungsmaschinen zum Beispiel mögen immer weiter verfeinert und immer flexibler werden, aber es ist wie der Unterschied zwischen einem Ford T-Modell und einem modernen deutschen Luxusauto. Es liegen Welten dazwischen, aber es ist immer noch das gleiche Prinzip.

Auch die Software enthält nichts wirklich Neues. Selbst wenn man die Betrieblichen Management Systeme (BMS) flexibler auslegt, alle Maschinen und Produkte vernetzt und einen Teil der Steuerung auf die unteren Ebenen verlegt, sind doch all diese Elemente schon vorhanden. Das wirklich Neue ist nur die Art der Organisation. Es ist aber noch nicht abzusehen, ob das ausreicht, um eine Revolution auszurufen.

Vielleicht mag das in zwanzig oder dreißig Jahren völlig anders aussehen, und die Menschen, die dann leben, haben solch tiefgreifende Veränderungen durchgemacht, dass sie mit Recht von einer Revolution sprechen. Im Moment aber sind weder eine völlig neue Qualität der Produktionsweise noch gesellschaftliche Veränderungen erkennbar, die so stark sind, dass sie alle Bereiche des Zusammenlebens beeinflussen.

Damit ist nicht gesagt, dass die beschriebenen Prinzipien nicht gefördert werden sollten. Sie wären ein Segen für die deutsche Industrie und würden den momentan vorhandenen Wettbewerbsvorteil mit Sicherheit bis weit in die zwanziger Jahres dieses Jahrhunderts ausdehnen. Das ist genau das, was alle wollen: den bestehenden Zustand weiter verlängern. Insofern ist die Rede von Industrie 4.0 durchaus angebracht, um schon im Keimstadium der Entwicklung einen geeigneten Begriff zur Verfügung zu haben. Aber eine Revolution ist es nicht.

Es wäre wahrscheinlich sowieso besser, Industrie 4.0 als ein gesellschaftliches Zukunftskonzept zu begreifen als von einer Revolution zu reden. Dadurch würde auch der intentionale Charakter des Begriffs betont. Es ist mehr ein Ziel, das aktiv unterstützt wird. Politik und Wirtschaft haben erkannt, das es der Förderung bedarf. Zur Unterstützung sind viele Projekte in der Industrie angestoßen worden, um die entsprechenden Techniken dort einzuführen. An Universitäten und Instituten wird Grundlagenforschung betrieben. Auch in den Bereichen Gesetze und Normen sowie in der Bildung gibt es einiges zu tun.

Industrie 4.0 ist also ein Zustand, den wir erreichen wollen, und keine ungeplante revolutionäre Veränderung mit ungewissem Ausgang. Dieser Zustand allerdings ist dringlich. Er ist – wie gesagt – alternativlos. Es reicht nicht aus, ihn nur erreichen zu wollen. Wir sind dazu gezwungen, ihn zu erreichen, andernfalls sinken die Chancen der deutschen Industrie auf dem Weltmarkt signifikant ab.

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